ÜBER REGINA NIEKES MALEREI

 

 

Im Zentrum der Malerei von Regina Nieke steht die Darstellung meist einer isolierten Figur, eine Art ‚malerisches Gegenüber‘ als Äquivalent menschlichen Formats. Mit unsichtbaren Kräften ringend, wenden sich die bewegten Figuren dem Betrachter zu, ihr Antlitz oft unkenntlich durch Auflösung, Farbsprengung und Deformation.

 

Einige der Bilder sind zu Diptychen oder Triptychen zusammengefasst. Durch die starke Absetzung der Figuren vom Hintergrund und ihre Platzierung im Bildvordergrund ist die Horizontale hier sehr dominant. Inspiriert sieht sich die Künstlerin u.a. von Mark Rothkos Color Field Paintings, seinen rechteckigen Formen in überdimensionaler Größe auf monochromem Grund. Regina Niekes horizontal angeordnete, miteinander verschwimmende Farbflächen im Hintergrund mit fließenden, ineinander übergehenden Farbrändern gleichen einer nebulösen Mondlandschaft, die sich in eine Art Schauplatz, ein Operationsfeld zur Sondierung figürlicher Existenz verwandelt. Ihr Interesse gilt der Bewegtheit von Figuren, die sich im Gegensatz zur Fotografie nicht in einem statischen Abbild einfangen lässt. Angelehnt an die menschliche Wahrnehmung tastet sie ihre Körper dreidimensional ab, was in den impulsiven Farb- und Formexplosionen zum Ausdruck kommt. Wichtig ist der innere Ausdruck der Existenzen, narrative Elemente sind nicht von Bedeutung.

 

Neben Acryl- und Ölfarben kommen leuchtende Sprayfarben zum Einsatz. Die meist gesprühten Hintergründe scheinen durch die anschließend aufgetragene Ölfarbe nur noch vereinzelt durch. Auf diese Weise entsteht ein gewollter Kontrast zwischen der glatten und gleichmäßig verteilten Farbschicht ohne Pinselduktus im Hintergrund und dem pastosen Farbauftrag im Bereich der Figuren im Bildvordergrund.

 

Mit den Titeln in Klammern versucht die Malerin, eine Festlegung ihrer Arbeiten zu vermeiden. Mehrmals verweist sie direkt auf kunsthistorische Bezüge, etwa in Hommagen wie O.T. „Hommage an Alberto Giacometti“, oder mit Zusätzen wie „O.T. (nach Manet)“ oder „O.T. (nach Goya)“, beide von 2009. Aber auch Filme (“Weißes Band“, 2011) und Literatur („Stiller“, 2009; „Malte Laurids Brigge“, 2009) sind wichtige Inspirationsquellen. Fjodor Dostojewskis „Der Spieler“ von 1866 fungierte beispielsweise als literarische Vorlage für „O.T. (der Spieler)“ von 2010.

 

Manche Figuren sind nur schemenhaft angedeutet. In „O.T. (regnerisch)“ von 2011 hat bis auf eine schwache Silhouette und grob ausgearbeitete Partien um die Augen eine weitgehende Auflösung stattgefunden. Durch das Entfernen von Farbe durch teilweises Abwaschen mit Terpentin im Malprozess fließen die Konturen von der Leinwand herunter, zurück bleiben in die Länge gezogene Farbspuren. Diese gelängten Glieder alludieren Alberto Giacomettis schwerelose Skulpturen, der seine radikale Verkleinerung und anschließende Streckung der Figuren mit der unterschiedlichen Wahrnehmung aus der Distanz und aus der Nähe erklärte. Auch bei Regina Nieke findet neben der Auflösung einzelner Körperpartien eine Längung und Streckung der Körper statt, wodurch sie einen sehr metaphysischen Charakter erhalten. Darüber hinaus ist bei beiden Künstlern eine nur fragmentarische Andeutung der Oberflächenstrukturen festzustellen, die Spuren des Formens und Modellierens bleiben deutlich sichtbar. Dabei wechseln sich feiner ausgearbeitete Konturen mit grob angedeuteten Passagen ab.

 

In einer Reihe von Gemälden erkundet Regina Nieke die menschliche Sexualität und gewährt Einblick in sehr intime Momente. So zeigt „O.T. (Jemand)“ von 2010 eine Figur, die an sich selbst herumspielt, vielleicht masturbiert. Die Akte unterscheiden sich von ihren sonstigen Figurendarstellungen insofern, da die Körper einen veränderten Spannungsgestus aufweisen. Die Farbsprengungen im Antlitz der Frau in „O.T. (Sehnsucht)“ von 2010, die bis zur völligen Unkenntlichkeit reichen, mögen bedingt sein durch die sexuelle Ekstase der Dargestellten, ihr losgelöstes Lustempfinden. Zu jenem Moment des körperlichen Zerreißens im Kampf mit der eigenen Existenz kommt hier also eine stark erotische Komponente hinzu, die über den Aspekt der Verzweiflung und Isolation weit hinausreicht.

 

Regina Niekes malerisches Werk zeugt von einer intensiven Auseinandersetzung mit unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen, die Eingang finden in ihre Bildwelt. Ein Blick in ihre Skizzenbücher verrät den reichen Bilderschatz, den sie fast reflexhaft ansammelt und in ihre Kompositionen einfließen lässt. In ihren außergewöhnlichen Bildkonzeptionen zeigt sie den nackten Daseinskampf menschlicher Existenz und führt dem Betrachter so die Vergänglichkeit des Seins vor Augen. Nina Wichmann, 2013

 

 

Nina Lenze, 2013

 

© Regina Nieke / reginanieke@mail.com

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